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Tag 12 GTA - auf leichten Wegen zurück in die Berge



Montag, 07.08.23

Omegna - Forno (mit dem Bus sakrisch früh) - Forno - Campello Monti (V12) - Rimella/Chiesa (Etappe 13)

km 14 - Hm rauf 1030 - Hm runter 790 - unterwegs von 07:00 - 16:30 Uhr, Gehzeit 5:15h

Unterkunft Albergo Fontane - bekannt für sein großartiges Abendmenü


Premiere! Das erste Mal in meiner Fernwander-Karriere! ZWEI Etappen an EINEM Tag. V12 und 13, für alle die im roten Buch mitlesen. Nun gut, zwei kleine Etappen, aber es sind ZWEI. Heute ist mein Tag 12 und bin soeben Etappe 13 gelaufen. Und einen Pausentag hatte ich auch schon. Haha!


Der Tag startet so früh, es gilt den Bus um 7 Uhr zu erwischen. Ich hatte gestern Abend schon bezahlt und der nette Mann von der Rezeption meinte, ich solle die Zimmerkarte dann einfach HIER hin legen, er sei so früh noch nicht da und Frühstück gibt es da natürlich auch noch nicht. Dann war er aber doch da, und als ich ihm meine Karte gebe, gibt er mir was? Eine Tüte mit einem Croissant drin, damit ich nicht ganz ohne was im Magen losgehe. Mein Name steht drauf und „Have a nice day!“ Ich freue mich den ganzen Tag an dieser wahnsinnig netten Geste. Er winkt zum Abschied und wünscht mir gute Reise. Ich gehe die 4 Minuten zum Bus. Ist das früh. Hoffentlich klappt das jetzt alles.

An der Bushaltestelle sitzen schon drei mit großen Wanderrucksäcken, das sieht vielversprechend und vor allem richtig aus hier. Obwohl wir statistisch gesehen mit hoher Wahrscheinlichkeit alle deutschsprachig sind, sprechen wir doch eine ganze Weile englisch miteinander. Einfach, weil wir es können :-) Alle wollen nach Forno und heute bis Rimella / Chiesa laufen, so wie ich auch. Lauter neuer GTA-Einsteiger, die hier ihre Tour beginnen. Hinter dem großen Bus steht ein kleiner, in den sollen wir einsteigen. 3 Euro irgendwas und ich bin drin. Wir fahren pünktlich los.


Die neu einsteigenden GTA-Geher sind ein Damenpaar aus Bonn, vielleicht so Ende 50 / Anfang 60 und ein Österreicher vom Bodensee. Der spräche zwar besser englisch als deutsch, aber wir verstehen ihn trotzdem. Er arbeitet nur das halbe Jahr, erzählt er, das andere Halbe reist er um die Welt. Meine Vorurteile tippen sofort auf so nen Digitalen Nomanden-Netzwerk-Marketing-Schneeballsystem-Spinner, der gleich einen Vortrag darüber halten wird, wie wir alle finanziell unabhängig werden können. Weit gefehlt. Er betreibt das ehrlichste, bodenständigste und zweitleckerste Business der Welt: 🍓🍓🍓


Sein Vater sei Landwirt und der habe immer das ganze Jahr hart gearbeitet, erzählt er. Da habe er zu ihm gesagt, darauf hat er keine Lust, er will später mal nur 6 Monate im Jahr arbeiten und das soll reichen fürs ganze Jahr. Sein Vater meinte, na dann musst du Erdbeeren 🍓 anbauen, die brauchen nur ein halbes Jahr Aufmerksamkeit und man verdient dabei genug. Und dann hat er das gemacht. Ein Erdbeerbauer vom Bodensee sei er, erzählt er stolz. Anfang Oktober sperrt er zu und erst im März wieder auf. Dazwischen reist er um die Welt, zuletzt war er in Chile und Argentinien.


Ich checke die Datumsanzeige meines Handys… „Es ist aber grad gar nicht Oktober bis März?“ schaue ich ihn fragend an. „Naja, ein bisschen Sommerurlaub muss natürlich schon sein, so 2,3 Wochen nehme ich mich dann raus aus dem Betrieb. Sonst ist doch das halbe Jahr doch viel zu lang.“ Haha. Sehr schön. Ich lerne so viel auf dieser Reise. Busfahren als Job mit maximalen Freiheitsgraden und jetzt ein Landwirt, der das halbe Jahr nix zu tun hat. Herrlich.


Er sei hier ja letztes Jahr schon Teile des GTA gelaufen, also die gefährlichste Situation war sicherlich, als da zwei Hirtenhunde böse kläffend auf ihn zugerannt seien. Er ist davon gerannt - vielleicht war das gar keine so gute Idee, überlegt er - die sind dann umso wütender hinter ihm her, aber er konnte sich grad eben noch mit einem Sprung in eine kleine Hütte retten, bevor sie ihn zerfleischt hätten. In der Hütte war dann ein rumänischer Gastarbeiter drin, mit dem hat er Schnaps getrunken und dann gleich dort am Boden geschlafen. War halt voller Mäuse, aber macht nix.


Ist euch schon mal aufgefallen, dass Männer gern als erstes erzählen, welche Gefahren sie grad so überlebt haben? Da wird doch den ganzen Tag mit Bären, Krokodilen und Börsenkursen gekämpft. Oder eben mit wütenden Hunden. Frauen erzählen viel öfter wo es besonders schön (oder lecker) war. Aber ich kann mich anpassen, das kann ich auch. Ich krame in meinen mentalen Erinnerungsschachteln jene mit der Aufschrift „gefährliche, aber grad eben so überlebte Tierbegegnungen“ hervor. Hm, soll ich erzählen wie ich vor ein paar Tagen gaaaanz cool aus wütenden Kampfhunden zahme Schoßhündchen gemacht habe, nur mittels Blickkontakt? Man müsse halt cool bleiben, nicht wegrennen (dass ich einen Wettlauf selbst mit einem Dackel verlieren würde brauch ich ja nicht erzählen). Oder die erste Begegnung mit der fiesen Schlange in Gondo, die mich fast vor einen LKW geschubst hat? Oder die zweite mit der tödlichen Kreuzotter kurz vor Alpe Cheggio, die wir gerade so zu dritt besiegt haben? Oh, da stolpere ich über eine Erinnerung, ja diese nehmen wir: „Also ich bin ja mal im hintersten Busch in Botswana von einem (angeblich zahmen) Haus-Zebra verfolgt worden. Das hat mich kreuz und quer durch halb Afrika gejagt (vielleicht war es auch nur über das Gelände der Hotel-Anlage aber psssst…) und ich konnte mich nur mittels eines beherzten Sprungs in den Pool der Lodge retten. Erst dann lies dieses bösartige Geschöpf von mir ab! Abends gab es übrigens gegrilltes Zebra. Mit Pommes. War lecker“ (ich hoffe der Mann korrigiert diese großartige Geschichte jetzt nicht wieder in den Kommentaren…)


Geschichtenerzähler:innen unter sich. Die Fahrt gestaltet sich sehr kurzweilig. Die Damen ergänzen hin und wieder um Fakten, die sehr hilfreich sind. Sie sind nämlich genau dasselbe, von Forno bis Alagna 2018 schon gegangen, gehen das jetzt nochmal und Evtl. Noch eine Woche weiter. Man kann also alle Fragen stellen, die einen so umtreiben. „Stimmt es, das Alpe Baranco so nett ist?“ „ja total!!“ „Und die schwarze Etappe von Corcoforo, ist die wirklich so schwer?“ „nein, gar nicht!„ usw. usw. Irgendwann kommen wir vergnügt und ich inzwischen wach in Forno an. Ob ich ein Foto vom Busfahrer machen darf? Er lacht sich kaputt über diese Anfrage. Und dann darf ich.

Ja und dann heißt es wieder loslaufen. 2 h bis Campello Monti lt. Rother, ausgeschrieben sind sogar nur 1,5h.



Es geht auf so leichten, schönen Wegen bei morgendlich klarer, kühler Luft los. Die Damen und der Erdbeerbauer sortieren sich noch, ich gehe davon aus, alle überholen mich gleich. Das passiert aber lange nicht. Wiesen- und Waldwege wechseln sich ab, sanfte Landschaft, vorbei an Badepools und Wasserfällen. Alles ganz, ganz leichte Wege mit angenehmer, kaum spürbarer Steigung. Das ist so schön zum Wiedereinstieg.




Ich komme an vielen Ziegen und Kühen vorbei. Zwei stolze Ziegenböcke stehen plötzlich mitten auf dem Weg. Aber wir werden uns einig. Sie nicken mir huldvoll zu, dann machen sie Platz für die Principessa.

Irgendwer hat liebevoll die Wege handschriftlich markiert. Bisschen auf GPS gucken schadet heute aber auch nicht. Irgendwann überholt mich der Erdbeerbauer, wo hat der denn so lange gesteckt? „Bin an der Brücke wohl falsch abgebogen!“ ruft er mir zu. Dann ist er weg. Den sehe ich nicht mehr, soviel ist klar…


Und dann kommt auch schon das kleine Bergdorf Campello Monti ins Blickfeld. Wenn es hier einen Kaffee und vielleicht ein zweites kleines Frühstück gäbe, wäre das ja phänomenal...

Dieses entzückende Häuschen ist die „offizielle“ Unterkunft und das erste Haus an dem man vorbeikommt. Es sieht sehr unbelebt aus aber müssen hier nicht vor kurzem nächtigende Wanderer gefrühstückt haben? Es ist halb 10, ich gehe rein, eine supernette italienische Nonna bedauert, dass der Bäcker heute nicht kam, aber sie findet ein verpacktes Hörnchen und einen Cappuchino für mich. Ob ich mich in den Garten setzen darf? Selbstverständlich. Wlan gibts auch, sie tippt das Passwort für mich ein.


Und dann lade ich endlich mal die Bilder für den überfälligen Tag 8 hoch. Mir fallen diese landschaftlichen wahnsinns-Tage immer ein bisschen schwerer zu beschreiben um dem wirklich gerecht zu werden und die richtigen Bilder zu finden. Aber jetzt ist er oben!


Plötzlich höre ich schwäbisch, lange bevor ich sie sehe - die Familie spaziert vorbei. Ich winke, sie kommen runter. Großartig, jetzt kann ich sie live befragen zu dem Biwak und der Strecke. „Das Biwak ist so grauenvoll!“ sagt die Schwäbin. „Mich kannst du ja wirklich fast überall hinlegen und ich schlafe, aber diese Matratzen, diese Decken, das war alles wirklich eklig.“ Die Lehrer und die Freiburger Zelter sind wohl dort geblieben. Das zweite Biwak kurz danach? “Das war noch viel schlimmer, das erste war theoretisch groß und hell, halt einfach nur runtergekommen, das zweite geht noch viel weniger.“ Aber die Strecke sei traumhaft schön gewesen und die FAST 2.000 hm waren wohl angenehm verteilt, sie hätten es gut bewältigt. Jetzt müssen sie aber zum Bus, sie wollen von Forno nach Omegna. „Der kommt doch erst um halb 3? Ihr habt noch ewig Zeit, ihr werdet locker in ner Stunde in Forno sein!“ „aber es geht doch noch einer um 12?“ sagt der Schwabe. „Nur Donnerstags“ erwidere ich. Wir gucken uns den Plan nochmal am Handy an. „Das hier heißt „nur Donnerstags“, da geht zusätzlich einer um 8 und um 11:30 Uhr von Omegna hoch, der dann jeweils eine halbe Stunde später zurück fährt. Da ist Markt unten, deshalb zwei Busse mehr. Ich habe es von zwei unabhängigen Italienern (Elisa und dem Rezeptionist) überprüfen lassen. Sie stöhnt auf, „Das hättest du ja auch mal machen können, einen Italiener fragen!“ Diese Szene überfordert mich. Ist es wirklich im Rahmen des Denkbaren, dass ich plötzlich besser informiert bin, genauer recherchiert habe als EIN SCHWABE?? Werde bzw. BIN ich spießig??? Darüber werde ich nachdenken müssen.


Sie machen sich trotzdem los, wir verabschieden uns, sie beenden ihre Tour in Forno.

Als ich reingehe um noch einen Kaffee und ein zweites Wasser zu bestellen, fragt mich plötzlich die Nonna, ob ich wüsste, wann die Busse von Omegna weg gehen. Ja bin ich denn der einzige Mensch auf dieser Weilt, der diesen Busplan kennt??? Ich sage es ihr und hier für euch auch nochmal: Täglich werktags um 7 und um 14 Uhr, retour jeweils eine halbe Stunde später. Donnerstags zusätzlich um 8 und 11:30 Uhr. Am Wochenende geht nix! Sie schreibt alles auf. Sollten alle beruflichen Stricke reißen, kann ich sicher bei diesem italienischen Busunternehmen in der Auskunft anfangen… Der Bedarf ist da… ;-)


Plötzlich sind 2,5h rum. Die Nonna ist so nett, hat dunkle Locken, das ganze Haus strahlt voll Herzlichkeit, sie kocht bereits in der Küche für das Abendessen. Sie erinnert mich so an meine eigene Oma, man fühlt sich einfach wohl hier zu sein und vergisst total die Zeit. Die Stube fürs Abendessen ist schon gedeckt, Licht strahlt durch die Fenster, draußen grün und Blumen. Als ich zahlen will, 3,80€ sagt sie. „Nein, ich hatte ZWEI Cappuccino, zwei Sprudel und ein Hörnchen.“ ja, das weiß sie. 3,80€ Bitte.

Hoffentlich haben die beiden Berliner heute hier gebucht.


Bin ich hier jetzt zu lange gesessen vor lauter Nostalgie? Hätten wir das geplante 9:30 Uhr Taxi bekommen, wäre ich auch erst jetzt hier, rechne ich nach. Alles gut also. Es sind jetzt noch ca. 4h, der Wirt meint ich schaffe das locker in 3, aber wir sind ja nicht auf Wettkampf. Sondern auf Genusstour durchs Piemont. Um 12 breche ich auf zur zweiten Etappe! Und auch die bleibt leicht, grün, die 650 hm kommen gleich am Anfang und verteilen sich oft schattig und in echt leichter Steigung.






Und hier der letzte Anstieg zum Bocchetta di Rimello 1.924 hm. Das Wetter ist schon wieder perfekt, nicht zu heiß und es bleibt trocken.

Geschafft.

Und jetzt auf der anderen Seite wieder runter…


Auch hier bleiben die Wege leicht und einfach. In angenehmer Steigung geht es abwärts Richtung Rimella / Chiesa. Viele Kühe und Ziegen begleiten mich.





Und dann biege ich auch schon durch die engen Gassen zu meiner heutigen Unterkunft, dem Albergo Fontane, bekannt für sein großartiges Menü am Abend.

Die Zimmer sind erst abends fertig, aber es gibt eine tolle Terrasse.

Weiter oben gibt es Schattenplätze, da ist es voll. Man hört auf dieser sehr viel bayrisch, mein Volk ist mir scheinbar nachgereist. Ein Paar aus Passau und zwei Damen vom Königssee.

Die Passauerin begrüsst mich „dann bist du wohl die Katharina, die den ganzen nördlichen Teil des GTAs gehen will?“ Ich schau sie überrascht an, krame in meiner Erinnerung, wo wir uns schon mal gesehen haben? Sie lacht „Wir kennen uns noch nicht, aber wir haben vorhin den Erdbeerbauern getroffen, der hat von dir erzählt.“ „Ach, wo steckt der denn?‘ Sie deutet auf einen Berg weit entfernt. Und hoch. „Der zeltet heute DA oben.“


Dann gibt es noch eine Berliner Mama mit „ich mache in 2 Jahren Abitur“-Tochter. Papa und Schwester seien auf dem Zimmer, die Schwester hat einen Sonnenstich, sie wissen noch nicht wie es für sie die nächsten Tage weitergeht.


Die beiden gut informierten Damen, die ich schon aus dem Bus kenne, tauchen auch irgendwann auf, wir unterhalten uns so gut. Beide sind gelernte Krankenschwester, die stillere der beiden ist heute Altenpflegerin. Sie beobachtet, hält sich eher im Hintergrund. Die andere ist total interessiert, erzählt viel, stellt viele Fragen. Sie sei inzwischen Hebamme, sie liebt ihren Beruf so, deswegen gehen auch nur 2 Wochen Wanderferien. Die Babys richten sich nicht nach der Bergsaison und die jüngeren Hebammen haben selbst Kinder und wollen in den Urlaub. Und sie macht das ja so gern. Unter ihren Freunden sind viele, die überlegen wann sie wie früher in Rente gehen können, sie versteht das gar nicht. Man hat doch ein Leben lang Zeit was zu finden, dass einem Freude macht. Dann hört man doch nicht einfach damit auf? Sie verstehe dieses ganze Work-Life-Balance Ding gar nicht, man hat doch nur ein Leben. In dem soll doch alles drin sein, was einem wichtig ist: Zeit mit lieben Menschen verbringen, die einem wichtig sind, ein Beruf der Freude macht und schöne Zeit draußen. Wieso immer diese Teilung?“

Dem ist ja mal gar nichts hinzuzufügen. Sie wirkt auf mich sehr weise, angekommen und ausgeglichen.


Heute Abend gibt es dann 12 (!!!) Gänge Dinner, viele tolle Antipasti Vorspeisengänge. Ich fühle mich wie ein Römer, es kommt einfach ständig noch mehr Essen, zwei Stunden lang, es hört nicht auf! Ich sitze neben einem Schweizer Ehepaar, wir unterhalten uns gut, sie sind „mit dem Auto“ unterwegs und immer mal drei Tage hier, drei Tage dort. Er deutet bei Gang 12 - ein Eis mit Blaubeeren und Sahne - lachend auf meinen Becher:“ Das kannst du UNMÖGLICHE heute alles abgelaufen sein!“ Da hat er vermutlich recht Wobei ich Gang 11 - das Kaninchen sogar ausgelassen habe. Nur 11 Gänge für mich, das reicht völlig. Alles wird schon wieder von einer so herzlichen Nonna serviert, die das ganze Haus mit so viel Seele füllt.


Es ist schön, wieder unterwegs zu sein. Hier schlafe ich heute SO GUT!






2 Kommentare

2 Comments


sabine
Aug 13, 2023

Und wieder so viel schöne Bilder! Ich bewundere deine Selbstbeherrschung beim Essen! Wie du einfach einen ganzen Gang weggelassen hast!

😅

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Katharina Ehrhardt
Katharina Ehrhardt
Aug 15, 2023
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Ja war hart, aber Disziplin ist alles!


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