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Tag 14 GTA - Stars unter sich

Mittwoch, 09.08.23 // Etappe 15

Alpe Baranca - Carcoforo, Unterkunft in Molini Azienda Agricola Val d‘Equa (ZAUBERHAFT!)

Km 12 - Hm rauf 660, Hm runter 1.160

Unterwegs von 08:30 - 14:30 Uhr, reine Gehzeit 4,5h



Was für ein Tag! Ich reise ins 14. Jahrhundert. Ich finde ein verfrühtes „weinendes Panacotta“, treffe einen italienischen Rockstar (der aber anonym bleiben will) und wohne in einer bezaubernden alte Mühle.


Nach einer so ruhigen, friedlichen und tief-tiefschlafenden Nacht ist der Morgen eher hektisch. Die Berliner Familie bindet doch ziemlich viel Aufmerksamkeit. Sie haben zu viert nix gebucht, wissen nicht wohin, die Sonnenstich-Tochter hat als eine Nebenwirkung einen spätpubertären Anfall und will alles was die Eltern vorschlagen genau NICHT. Die Eltern schlagen alles vor, das ist das Problem. Die Nonna ist durchgängig am Telefon, versucht eine Unterkunft für die 4 zu finden, ein Taxi, die eine Familienhälfte könnte die normale Etappe wandern, die zweite mit dem Bus-Taxi nach Carcoforo fahren, die Tochter will aber nicht Busfahren, sie will wandern, kann aber nicht, die Diskussion beginnt von vorne. Die zweite Tochter hat sich auf die Seite der älteren Schwester geschlagen, (leider versteht bis zum Schluss niemand, welche Seite das ist). Aber die Mutter streitet nun auch mit der gesunden Tochter. Ich muss ein Lachen unterdrücken, als der Vater mich plötzlich fragt, „Sag mal, ist das nicht voll schwierig, so ganz alleine zu wandern?“ „Ne, das ist eigentlich recht unkompliziert.“ Er tatscht jedes einzelne Brotstück im Korb an, findet sie alle zu hart, ruft nach der Nonna (die wegen ihnen seit einer halben Stunde am Telefon hängt) er will Vollkornbrot, er muss noch Brote schmieren für unterwegs, sie sagt entschuldigend das sei leider aus, bevor sie zurück ans Telefon geht und versucht den Tag der Familie zu organisieren. Ich versuche eine kurze Lücke zum Zahlen zu finden, sie will nur 50 Euro für alles. Als ich die Augen verdrehe (nur ein klitzekleines bisschen) und sage „die sind ganz schön complicato, oder?“ seuzt sie „si, complicato“ und DANN lacht sie aber schon wieder aus ganzem Herzen, ihre Augen strahlen und sie sagt, aber Hauptsache der Tochter gehts bald besser. Ich bewundere sie gerade sehr. Wenn ich groß bin, will ich auch mal so freundlich sein. Zu jedem.


Um halb 9 verlasse ich diesen Chaos-Raum und starte in einen schon wieder sonnigen Tag. Gestern gingen schon wieder Gerüchte um, das Wetter würde jetzt aber WIRKLICH kippen. Nix. Sonne pur.


Heute gehts wieder erst hoch, dann runter. Höhenmeter-Tagwerk sollte vor Mittag eingefahren sein. Eine Hütte gibt es heute auch beim Abstieg, ein seltenes Highlight.


Ich steige auf leichten Wegen zu einem wildromantischen Alpkessel auf, eine Gruppe Jugendlicher packt hier gerade ihre Zelte zusammen. Kurz drauf kommt ein Abzweig zu einer weiteren Hütte, etwa 20 Minuten von der Alpe Baranca entfernt. Mein zuletzt gehörter Stand war, dass die Familie jetzt bis hierin gemeinsam wandert und dort eine Nacht bleibt. Hoffentlich reichen die Brote.





Es kommt eine kleine Häuseransammlung, das erste Hotel wäre hier gestanden, ist aber inzwischen verfallen und dann kommt da noch die Ruine einer Villa, die mal Vincenco Lancia gehört habe, dem Gründer von Lancia. Dessen Geist würde hier möglicherweise noch herumwandern, warnt der Rother. Deutsche Soldaten hätten sein Haus in Brand gesteckt, weil er hier Juden beherbergt hatte. Aber Geister sehe ich heute morgen keine, nur ein paar morgendliche Trailrunner.


Belebter sieht ein weiteres Haus aus, wohl ein Biwak, es hängen Outdoorsachen über dem Balkon und Wanderer machen sich hier gerade auf.

Gegen 11 Uhr ist der heutige Pass erreicht, der Colle d‘Equa mit 2.239 m. Team Königssee, die beiden Freundinnen, liegen oben bereits auf der Lauer, ich lege mich ein Stück weiter unten ebenfalls auf selbige.


Genau HIER zeigt sich angeblich „der möglicherweise beste Blick“ auf das Monte Rosa Massiv. Wenn er sich denn zeigt…Aber es wabern doch einige Wolken genau um das Massiv herum, an einem sonst strahlendblauen Himmel.

Eine riesige Schafherde belagert den Gipfel, es war gar nicht so leicht einen Quadratmeter Wiese ohne Hinterlassenschaften der weißen Wollknäule zu finden. Aber jetzt liege ich hier und warte. Die Chefin meiner heutigen Unterkunft wird später fragen „wann wart ihr oben?“ „Naja so gegen 11 Uhr?“ „also bitte, das ist VIEL zu spät!! Monte Rosa zeigt sich nur morgens, du musst da gaaaanz früh oben sein!“

Irgendwann starte ich den Abstieg, ich weiß, es kommt gleich noch eine Hütte! Herrlich. So ein entspannter Tag. Auf dieser sitze ich schon bald auf der Terrasse. Die beiden Freundinnen sitzen dort auch, ich weiß nur von einer der beiden den Namen. Und plötzlich vermute ich den Namen der Zweiten: „Sag mal, heißt du Margit?“ „Ja, wieso?“ “Ah, dann seid ihr die beiden anderen, die heute auch in der alten Mühle übernachten? Wir werden ja abgeholt um 3 / halb 4 rum an dem großen Café.“ „Wir werden ABGEHOLT? Wir wären jetzt die halbe Stunde an der Straße entlang gelaufen?“ sie bedanken sich überschwänglich für diese Information. Also gibt es das? Menschen buchen fernab der Route und überhören, dass sie selbstverständlich abgeholt werden??? Noch wichtiger, wir werden am nächsten Morgen auch wieder zum Einstieg gefahren.

Um halb 2 sind wir unten, genug Zeit den kleinen Ort Carcoforo zu erkunden, der sich mit seinen Steinhäusern schon wieder so harmonisch in die Landschaft einfügt.




Und Zeit, um auf der Liegewiese des Cafés ein Eis zu essen. Da kommt auch schon Danile angefahren und wir fahren alle gemeinsam nach Molini, ein denkmalgeschützter Ort, ein kleines Freilichtmuseum. Die Mühle ist aus dem 14. Jahrhundert, unten blitzt ein Naturpool zwischen den alten Steinmauern hervor.



Danile sagt sie, wir sollen gleich ins Wasser bevor die Sonne weg ist. Sie zeigt uns unsere Zimmer, dass der beiden Freundinnen zuerst. „Der Boden auf dem ihr steht, ist noch original aus dem 14. Jahrhundert! Zieht bitte die Schuhe aus, wenn ihr reingeht.“ Und dann kommt der lustigste Moment des Tages. Sie beugt sich vor und flüstert leise, dass der, der das Zimmer über den Freundinnen bewohnt, Gitarre spielt. ICH denke mir in dem Moment, sie wirbt um Verständnis, das der Typ halt die ganze Nacht klimpert, und freue mich, im Haus gegenüber untergebracht zu sein, aber es wird viel besser. Sie bezieht auch mich in das konspirative Gespräch mit ein: Der Mann, der da oben mit seiner Freundin wohnt, sei ein SEHR bekannter Gitarrenspieler in Italien, aus Rom, SEHR SEHR bekannt und SEHR populär. Wir mögen uns bitte unauffällig verhalten, ihn nicht drauf ansprechen, er kommt hier extra immer ein paar Wochen her, weil ihn hier niemand kennt, und er hier endlich mal anonym sein kann.“


Hahaha!! Die Wahrscheinlichkeit, dass wir drei - deutlich dem groupie-alter entwachsenen - mittelalte Damen aus diversen oberbayrischen Dörfern abstammend irgendeinen Italo-Gitarro-Klimper-Künstler kennen geht ja doch gegen Null. Nun werden wir ihn natürlich doch den ganzen Abend anstarren…. Ich mache mir kurz Sorgen um die Diskretion in diesem Hause. Was, wenn sie IHM erzählt, wer ICH bin und der jetzt die ganze Nacht unter meinem Balkon singend um ein Autogramm bettelt??? Das wäre mir echt unangenehm.


Dann klettern wir ein paar enge Stiegen zu meinem Zimmer, es ist ein Traumzimmer mit Hängematte am Balkon und einem riesiges Bad. Diesmal bleibe ich natürlich cool, Bad im Zimmer, kenne ich! Ich nicke es gnädig ab und bin innerlich so begeistert! Es ist so schön, (mal wieder) ein echtes Paradies. Sie hat alles so liebevoll hergerichtet und hier gibt es, wie ich später herausfindende, tatsächlich außer ihr niemanden. Sie macht das ganz alleine, keine Angestellten und es ist auch nirgends ein im Sessel sitzender (Ehe-) Mann versteckt.




Ich gehe sofort baden, es ist eiskalt, ich quieke ein bisschen. Der Hofhund Viola steht am Ufer und bellt wie verrückt. Ich glaube, er möchte mich gerne retten, aber auf keinen Fall zu dem Preis, dass er da jetzt selbst reinmuss. “Komm halt bitte selbst raus und zwar subit!o!“ scheint er mir zuzubellen. Ich bin auch schnell wieder draußen, schiebe einen Liegestuhl in die Sonne, als sie weggeht ziehe ich auf meinen Balkon um, meine Hängematte ist noch länger in der Sonne.



Um halb 8 gibt es Abendessen. Die drei bayrischen Damen sitzen pünktlich da. Wir fangen trotzdem erst um 8 Uhr an - der Herr Rockstar lässt noch auf sich warten. Mann, kann er sich nicht entscheiden WELCHEN schwarzen Kapuzzenpulli er zum Dinner tragen soll? Seine Freundin und sein Hund sind pünktlich, sie heißt Sarah und ist total nett. UND sie spricht super englisch. Wir unterhalten uns über Italien und das Piemont, sie haben die letzten Tage hier viel angeschaut. Rima - wo wir morgen hinlaufen - hat eine Stadführerin, die sollen wir suchen, das wäre so interessant gewesen. Die Chefin sagt inzwischen, wir sollen den Ofen mal öffnen. Wir gucken in ein schwarzes Loch. Das sei, so erklärt sie - der größte Ofen im ganzen Piemont. Eine Geschichte, die sich ECHT schwer nachprüfen lässt.



Irgendwann kommt auch der Star. Er hat sich für ein schwarzes Columbia-Outdoor-Jäckchen entschieden. Eros Ramazotti ist es nicht, soviel steht fest. Er ist ein biserl gwampert und sieht aus wie ein sehr großes Baby, ist aber total nett. Irgendwie versteht er alles was wir sagen, aber spricht kein Englisch und sagt immer ihr, was sie uns sagen soll. Sie wandern wohl auch gerne, sie fragen wie weit es bis zur Alpe Baranca ist, beschließen das beim nächsten Mal zu machen.


Das Abendessen ist alles bio, eigener Garten, vegetarisch. Und dann erwischt es mich völlig unvorbereitet! Das perfekteste Panna Cotta meines Lebens. Das, bei dem alle weinen müssen, käme ja erst in zwei Wochen, aber es kann nicht besser sein, wie dieses hier. Sanft, cremig, mit zwei Amarenakirschen, eine wahrlich perfekte Geschmackskomposition. Die Gitarrenfreundin isst Kuchen. “Warum?? Du MUSST das essen?“ Sie verträgt nix von der Kuh sagt, sie, alles andere geht, Ziege, Schaf, aber nicht Kuh. Nun hab ich doch Tränen in den Augen. Vor Mitgefühl.


Es ist ein leichter, schöner Abend, der diesen erneut so großartigen Tag in den Bergen rund abschließt. Wir plaudern alle bei einem Glas Wein noch eine Weile.


Stars unter sich. Die mal ganz anonym sein wollen.



4 Kommentare

4 Comments


sabine
Aug 15, 2023

Da bekommt man aber auch richtig Appetit auf Nachtisch 🤤


ich wusste einfach auch, dass du nun wieder ganz liebe Wirtinnen haben wirst.


bin schon sehr gespannt, wie es weiter geht 🥾

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katharinaehrhardt
Aug 17, 2023
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Seltsam ist das, sehr seltsam. Ja nur liebe Wirtinnen, aber wirklich fast alles in Frauenhand….

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