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Tag 2 GTA - Glitzerblaue Gletscherseen, ein milder Wettergott und ein phänomenaler Grenzübergang

Freitag, 28.07.23

Capanna Corno Gries (Schweiz) nach Rifugio Margaroli (Italien)

km 18, Hm rauf 1047, runter 1000. Unterwegs von 7:45 Uhr - 16:30, reine Gehzeit ca. 7 h


Vermutlich ist es leichtsinnig bereits an Tag 2 die Aussage zu treffen: „Ich glaube, das wird am Ende DER oder zumindest einer der schönsten Tage gewesen sein.“ Aber ich weiß nicht, wie das noch getoppt werden könnte. Was für ein rundum perfekt schöner Tag.


Bin ich diese Tour durchaus mit ambivalenten Gefühlen gestartet - ich hab mich diesmal weder mental, noch inhaltlich und schon gar nicht körperlich so gut vorbereitet wie die Vorjahre - hatte ich vielleicht weniger Erwartungen, I dont know. Es war einfach jeder Moment intensiv schön, nur am Schluss anstrengend, sonst so sehr „angemessen“ für mich. So ein toller Tag für den Einstieg, in jeder Hinsicht.



Bereits morgens hat uns so sanft goldenes Berglicht geweckt, fast jeder saß früh eine Weile draußen, sei es mit dem ersten Kaffee, um Yoga zu machen, zu meditieren, zu fotografieren oder einfach in die Luft zu gucken (ich) und hat diese magische Morgenatmosphäre aufgesaugt. Die Hüttenwirte waren morgens genauso herzlich wie abends (ungewöhnlich), das Frühstück lecker und um 7:45 Uhr stand ich bereits auf dem Weg (ebenfalls ungewöhnlich). Ich hatte so so so so gut und tief geschlafen, obwohl von 6 Leuten 4 geschnarcht hatten (diese Quote muss man erstmal schaffen! Ich werde nie die Nacht im Karwendelhaus vergessen, wo es trotz 50 Leuten im komplett vollen Riesenschlafsaal mucksmäuschenstill war) und obwohl angeblich ein Kind die halbe Nacht geplärrt hat. Tief erholt starte ich in diesen Tag, dessen Höhenprofil sich alle Schmerzen für den Schluss aufhebt.


Es geht leichte, unbeschwerte 200 Hm bis zum Corno-Pass vorbei am ersten Glitzersee des Tages, den Griessee. Hier wurde wohl früher Käse von der Schweiz nach Italien transportiert und umgekehrt Wein von Italien in die Schweiz. Was wieder mal zeigt, dass man als Team einfach stärker ist und mehr vom Leben hat. Nämlich Käse UND Wein!!



Kurz danach folgt bereits der Grenzübergang nach Italien. War der Übergang auf München - Venedig sicher der emotionalste, gehört dieser hier zu den schönsten. Im Tal bildet sich Nebel, in der Ferne sieht man die Gletscher, die Wiesen sind so grün und die Berge drumrum mächtig. Als ich gerade versuche mich UND den Grenzsstein UND den Hintergrund auf ein Bild zu bekommen, kommt passenderweise gerade ein etwas älterer Schweizer des Weges, der macht dann das Foto! Hier ist der nördlichste Punkt des Piemonts. Das Piemont, dass ich hoffentlich die nächsten Wochen durchwandern werde, Geburtsort der Slowfood Bewegung, alles wird regional und mit Liebe gekocht. Meinungen über Hütten, Wege, Touren gehen ja immer auseinander, beim GTA berichtet JEDE:R übereinstimmend, wie genial das Essen war. Dass fast jeder zugenommen hätte trotz der täglichen Wandertouren. Irgendwo gibt es ein Agritourismo, von dem man sagt: Spätestens beim PannaCotta weint jeder. Bis dahin will ich unbedingt kommen, bis zum weinenden PannaCotta. Leider ist das ziemlich weit am Ende, Etappe 30 oder so. Na wir werden sehen.


Das Piemont mit seiner Slow Food Bewegung und ich - wir passen vermutlich sehr gut zusammen. Weil ich ja quasi die Slow Hike Bewegung „erfunden“ habe. Man darf sich Zeit lassen. Dann ist man länger unterwegs. Und länger draußen. Das macht total viel Sinn. Und tut so gut.


Heute brauche ich auch deutlich länger als die vom Rother ausgegebenen 5:30 Gehzeit, der Rucksack ist zwar schon leichter als gestern aber ich spüre ihn schon noch beim hochgehen. Aber beides - Rucksack und Gehzeit - passen sich erfahrungsgemäß die nächsten Tage an.


Der Schweizer und ich wir laufen bis Lago die Morasco zusammen. Als wir die Alpe Bettelmatt passieren finden wir zwar den hochgelobten Käse und die dazugehörige Alm nicht, aber Bettelmatt scheint das Murmeltierbogenhausen der Alpen zu sein. Eine sehr beliebte Murmeltier-Wohngegend, wir sehen so viele, die munter über die Wiesen purzeln und sich an uns überhaupt nicht stören. Im Stausee Morasco, der schon wieder so tiefblau glitzert, wurde wohl mal ein ganzes Dorf versenkt. Das Wetter ist perfekt und viel besser als angekündigt. Wir laufen den Stausee entlang, queren über die Staumauer. Hier sehe ich das Rifugio Bin Se, das gar nicht als Pausen-Möglichkeit angegeben wird und auch in der Rother Karte nicht einzeichnet ist (und nichtmal auf googlemaps) - ein sehr geheimes Rifugio - und beschließe die 10 min Umweg einzulegen. Der Schweizer geht lieber weiter. Auf der Terrasse treffe ich ein Ehepaar vom Vorabend, sie sind auf dem Weg zur selben Hütte. Die Sonne scheint genau richtig, ich sitze eine Stunde dort und genieße die Leichtigkeit des Seins…Und ein Lemon Soda. Und einen Cappuccino.


Als ich mich gegen 13 Uhr aufmache in dem Wissen: Jetzt stehen jetzt die ganzen Höhenmeter an, passiert etwas sehr sehr tolles: Genau JETZT zieht es zu, der Wettergott schiebt mir eine dicke Wolke vor die Sonne, die dort bis zu meiner Hüttenankunft bleiben wird, sich sogar noch verdichtet, die Temperatur sinkt nach und nach auf höchstens 16 Grad. Aber: es bleibt trocken und windstill. Was zum steil bergaufgehen einfach perfekt Ist. Ich kann mein Glück kaum fassen. Bis zum Passo di Nefelgiu tut es nämlich wirklich weh, vor allem die letzten 400 Hm sind so so so steil. Und ich werde wie immer in den Anfangstagen so so langsam.


Ich passiere ein Biwak, eine Selbstversorgerhütte, von denen in Italien einige stehen, u.a. auch planmäßig nächste Woche auf Etappe 11. Ich war ja nicht so begeistert, in einer verlassenen Hütte allein (oder eben auch nicht allein) im Wald zu schlafen, wo es angeblich Decken gibt (oder auch nicht) und die wohl in sehr schlechten Zustand ist. Dieses hier sieht viel besser aus. Und ist trotzdem so grausig. Ich beschließe in dem Moment auf jeden Fall besagte Etappe irgendwie zu umgehen, es gibt diverse Varianten. Variante die „nach Plan gehen„ wurde soeben gestrichen.


Irgendwann ist man oben, kurz vorm heute höchsten Punkt 2.583 Hm überholen mich 3, die auch auf dem GTA sind. Sie waren im Stausee baden. Der hatte wohl doch ganze 10 Grad ;-))



Ja und dann kommt der letzte Abstieg zum Rifugio Margaroli, das ebenfalls an einem See liegt, dieser glitzert türkisblau, weil pünktlich zum Abstieg (und zum anschließenden an der Hütte sitzen) doch wirklich die Sonne wieder rauskommt. Ich habe wirklich das Gefühl, der Tag wurde für mich gemacht. Unten an der Hütte erwarte ich meine italienische Freundin Elisa, die den August Homeoffice bei ihrer Familie am Lago Maggiore macht und die nächsten 2 Tage mitläuft. Sie wollte mit der Gondel hochfahren und sollte längst da sein?? Na ich checke erstmal ein. Ich muss eine lustige Frage beantworten: Ob ich Pasta oder Suppe als Vorspeise mag??? Die sehr nette Dame spricht fast nur italienisch, ich denke ich habe sie falsch verstanden, aber nein, sie meint die Frage ernst… Pasta natürlich. Was es als Hauptgericht gibt, hab ich nicht verstanden, das ist aber auch völlig egal. Um 19 Uhr gibt es Pasta!!


Kurz drauf kommt Elisa um die Ecke, sie und ihre Freundin sind nun doch gelaufen, die Gondel macht grad täglich 3 h Siesta. Wir haben uns schon viel zu lang nicht gesehen und trinken zur Feier des Tages einen Aperol Spritz auf der Terrasse. Morgen steht ein leichter Tag an, da geht das schon mal.




Es gibt eine Dusche, ein sehr kleines Zimmer mit 8 Menschen drin, der Schweizer ist auch da. Leider gibt es nur noch ein Bett oben, ich hoffe ich falle nicht raus.


Wir quatschen den ganzen Abend und schmieden Pläne, und jetzt hab ich auch den perfekten Etappe 11 Umgehungsplan. Der eine Nacht am Orta See beinhaltet und dass ich Elisa nochmal sehen kann, die dort schnell ist. Das fühlt sich jetzt sehr rund und stimmig an.


p.s. Mehr Bilder morgen, da bin ich im Hotel. Wlan hier zu schwach..




2 Kommentare

2 Comments


sabine
Jul 28, 2023

Na, das beginnt ja schon mal toll…..und das erzählen hast du auch nicht verlernt!

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Katharina Ehrhardt
Katharina Ehrhardt
Jul 29, 2023
Replying to

☺️🙃😘

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