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Tag 20 GTA - Die schwarze Madonna


Dienstag, 15.08.23 (Maria Himmelfahrt - Ferragosto)

Kloster San Giovanni - Kloster Oropa (Unesco-Weltkulturerbe! Und ich habe davon noch nie gehört!!)


Km 16 (eigentlich nur 12 km plus 4 km Bummel durch diese unglaubliche Klosteranlage)

Hm rauf 390 - Hm runter 250


Buon Ferragosto!

Das wünscht man sich hier heute! Alle sind ganz aufgeregt, schon beim Frühstück.

Hätte ich das zu Beginn meiner Tour versucht zu planen, dass wir an einem der höchsten kirchlichen Feiertage Italiens von einem Kloster ins andere wandern wollen, hätte das niemals geklappt. Jetzt ist es zufällig so gefallen - genial.


“Wäre das Wort ›Danke‹ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ Meister Eckhart


An dieses Zitat denke ich heute sehr oft, es beschreibt genau das Gefühl, das mich durch den Tag trägt und ist in den vielen Kirchen und Kapellen, in denen wir heute sein werden, der erste Gedanke, das erste Gefühl, das sich in mir formt. Tiefe Dankbarkeit. Fürs Hiersein, fürs gemeinsam wandern, fürs gesund gemeinsam wandern, für die unglaublichen Schönheiten, die ich in den letzten 3 Wochen sehen durfte, die vielen kleinen Begegnungen, die vielen freundlichen Menschen, die Herzlichkeit. Und für vieles, vieles mehr.


Zum Beispiel auch dafür, dass der GTA es schon wieder getan hat!! Eine Sohle gefressen! Diesmal die der schnelleren der Bonner Damen. Die deswegen grad gar nicht so schnell ist und somit sind beide unerwartet heute auch in Oropa. Wie schön!


Wir stehen ohne Wecker auf, spät, frühstücken entspannt, heute ist gar keine Eile. Ein ganz kurzer Tag mit 3-4 h und fast ohne Hm steht an. Ich versuche meinem Körper einzureden, das sei heute quasi ein Pausentag! Ich merke, wie ich ein bisschen auslauge. Wir werden nur ein bisschen spazieren gehen, sooo harmlos sieht das heute aus:

Wir haben gestern Abend noch in der Klosterwirtschaft gegessen und die weiteren Tage geplant. Der Mann muss langsam von hinten rechnen, da er am Samstag am Flughafen in Turin sein will. Die Gondel von Oropa, die fester Bestandteil der nächsten Etappe ist, geht auf Jahre nicht. Damit ist die Etappe für Normalsterbliche zu lang. Aber jetzt haben wir alles neu ausgetüftelt, reserviert, haben noch einen kleinen Puffer für Unvorhergesehenes. Es ist diese Gefühl von „entscheidungszufrieden“, wenn man dann alles wieder neu zusammengebaut hat und es dann so richtig gut passt.


Wir haben ok gut gegessen und als Nachtisch erstmals die piemontesische Spezialität Bonet probiert. Das haben früher nur die hohen Herrschaften gegessen, verrät Google. Das klang angemessen. Schmeckte dann aber so, naja. Sehr mächtig, sehr Schokoladig, ein bisschen Griespuddelig. Heiliges Wasser haben wir auch getrunken, das würde uns stark machen, sagen sie. Leute standen den ganzen Abend um den Brunnen und füllten sich heiliges Wasser ab. Heute morgen auch wieder, sie kommen extra deswegen her. Das müssen wir auch noch machen, stark wäre gut, die letzten Tage waren traumhaft schön aber doch auch anstrengend. Nehmen wir mal lieber ein bisschen mehr mit…

Der Weg von einem Brunnen mit heiligen Wasser (hier der in San Giovanni) bis zum nächsten ist dann zwar wunderschön, aber nicht so leicht und urlaubstagig wie vermutet. Hier sind ausnahmsweise die italienischen Schilder akkurater als der Rother, die warnen vor gefährlichen Wegen, man möge bitte etwas aufpassen.


Es ist sehr zugewachsen und man muss sich mehrfach überwinden, weiter rechts am Weg durch Brennesseln und Brombeersträucher zu gehen, da es links schnell runtergeht. Es gibt vereinzelt mal ein böses Loch im Weg, ein Weg ist ein bisschen weggerutscht, es ist alles machbar aber man hatte halt einen Spazierweg auf Kinderwagen-Wegen erwartet, das ist es nicht.


Der Blick zurück, das lag schon auch wieder sehr schön!

Und am Anfang geht es auf leichten Wegen durch kleine Dörfer, das Kloster inzwischen weit im Hintergrund.

Dann biegen wir ab auf federnderen Waldboden, auf dem kleinen Sonnenstrahlen immer wieder durchtanzen.

Später muss eben ein bisschen schauen wo man hintritt. Es ist plötzlich alles stark zugewachsen. Und das Brennesselbad genießen, das soll ja gesund sein. Einmal ist auch ein Weg ganz weggerutscht.

Wo ist der Weg?


Plötzlich kommt man aus dem Wald raus, die Vegetation ändert sich, man erwartet am Horizont das Meer zu sehen. Aber da ist keins. Es riecht plötzlich auch viel südländischer. Grillen zirpen.


Jetzt läuft man eine Weile auf diesem Höhenweg entlang.

Bald finden wir unter einem Baum ein Schattenplätzchen und schauen ein bisschen in die Landschaft.


Das letzte Stück geht es zurück in den Wald. Wir diskutieren gerade, ob wir eigentlich unsere Ausweise gestern wieder zurück bekommen haben, als wir fast diesen ersten Blick auf diese unglaubliche Klosteranlage verpassen. Wir gehen drei Schritte zurück - da liegt sie - mitten im Wald. Mächtig. Groß. Ich kann nicht glauben, dass ich davon noch nie gehört habe.



Wenn man hier am frühen Nachmittag an Ferragosto ankommt, fühlt es sich an als sei man Kopfüber in einen Mittealalterroman gefallen, Kingsbridge aus Säulen der Erde oder sowas. Menschen sitzen am Fluss und in der Parkanlage des Klosters, picknicken, feiern, ein altes Ehepaar schläft unter einem Baum.


Es herrscht buntes Markttreiben, viele Stände, es gibt überall Essen zu kaufen. Ein buntes Stimmengewirr liegt in der Luft. Eine davon meint mich: “Signora! GELATI!“ Ein Eisverkäufer. Ich darf nicht einfach ein Eis kaufen, ich muss erst alle Sorten probieren! Ich habe jetzt 8 kleine Probier-Plastiklöffelchen vor mir liegen, entscheide mich für Vanille - Haselnuss. Zum Schluss haben mich sogar zwei Eisverkäufer beraten, sie winken im Hintergrund.

Dann schlendern wir weiter. Wir brauchen laaaaange, um ans hintersten Ende zu kommen, da ist die Rezeption.

Also das ist sie nicht, das ist der Dom.



Daaaa hinten links muss man rein.

Es ist auch hier alles professionell organsiert, inklusive Tripadvisor Certifcate of Excellence an der Wand und Booking.com Anbindung. Wie in einer Clubanlage bekommen wir einen großen Lageplan, wo welche Restaurants sind, wo wir frühstücken können und vor allem wie wir von den 751 Gästebetten auf dem Gelände genau unsere beiden finden.


Wir bekommen ein richtiges Klosterzimmer mit Gewölbe, einer royalen Couch und natürlich wieder zwei getrennte Betten. Über dem des Mannes hängt ein Jesus über meinem ein Bildnis der Schwarzen Madonna. Die verehren sie hier. Ich habe noch nicht herausgefunden, warum sie schwarz ist, und ob das wichtig ist, aber das werde ich noch recherchieren.

Wir bummeln ewig über das Gelände, sind in einer Messe in der Kirche der schwarzen Madonna. Es scheint eine wichtige Messe zu sein, sie wird nach draußen übertragen, eine Vorsängerin mit Mikro hilft, dass es allen leicht fällt, die richtigen Töne zu treffen. Mich bewegt das tief, die Gesänge sind so schön, Menschen in Gemeinschaft und Frieden, die die Heilige Messe feiern. Wir verstehen nicht alles, aber manches doch, Weihrauch liegt in der Luft und taucht alles in einen leichten Nebel.


Wir trinken was auf einer Sonnen-Terrasse, so lange bis es regnet, treffen die beiden Bonner Damen, die fröhlich winken. Sie fahren morgen mit dem Bus nach Bialla, dort gibt es einen großen Decathlon, um neue Schuhe zu kaufen. Die alten sind mit Paketklebeband notdürftig zusammengepappt. Die Quantenphysikerin sitzt auch bei ihnen.


Diese hatte schon vor ein paar Tagen herausgefunden, dass heute Abend eine Fackelprozession stattfindet. Der Mann meinte, das sei vorbereitend für die anschließende Hexenverbrennung. Aber das stimmt gar nicht. Sie werden ihre schwarze Madonna heute Abend in einem großen Kerzenmeer einmal durch die große Anlage tragen.



Wir schaffen es um kurz nach 21 Uhr aus unserem Restaurant heraus. Da ist schon ein Lichtermeer über die ganze Anlage. Ave Maria Gesänge liegen in der Luft. Manch einer wird das die nächsten Tage als „gruselig“ oder “spooky“ oder „kirchliche Machtdemonstration“ bezeichnen. Nur dass ihr die verschiedenen Meinungen gehört habt. Die Fackeln sind eher mit Plastikhütchen ummantelte Kerzen, man muss ein bisschen aufpassen, dass sie nicht ausgehen. Mich hingegen bewegt das sehr, wieder diese tiefe Dankbarkeit, ausgerechnet heute hier sein zu dürfen.

Menschen, die gemeinsam singen, gehen, Gemeinschaft feiern. Ein kleiner Windstoß bläst die Kerze einer sehr alten Dame aus. Sie schaut ihren Mann an, der beugt sich zu ihr herunter und zündet sie ihr wieder an, an seiner Kerze. Sie lächelt ihn dankbar an, er lächelt zurück. Für mich der Inbegriff von Liebe, nicht nur zwischen Paaren. Sondern zwischen allen Menschen und vielleicht auch der Urzweck jeder Religion und Gemeinschaft: Dass wir uns gegenseitig helfen, heller zu leuchten, unser Licht zu finden, das beste in anderen zu sehen, immer und immer wieder.. “A candle looses nothing by lightning another candle.“ ist eines meiner alltime Lieblingszitate. Lasst uns das immer wieder tun füreinander. Ich packe diese Szene tief in meine Seele, zu den schönsten Erinnerungen dieser Reise.


4 Kommentare

4 Comments


Beate Liebl
Beate Liebl
Aug 22, 2023

Habe jetzt lange nichts mehr geschrieben, aber ich bin nach wie vor begeistert von deiner Reise!

Weiterhin eine gute Zeit

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michaela.stark
Aug 22, 2023

Danke, Katharina, dass du dieses Erlebnis und dein persönliches Empfinden so mit uns teilst. Ich kann das so gut nachempfinden und du hast so gute Worte dafür gefunden.

Dein Beitrag ist für mich ein Highlight an diesem Ta, Danke!

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sabine
Aug 22, 2023

Du hast es schon wieder gemacht!

Ich hab schon wieder nasse Augen…..

🤗

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graefek
Aug 22, 2023
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Ich auch!!

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